
Der historische Saal der Schaubühne Lindenfels mit seinem rauen Charme bildet einen perfekten Rahmen für einen Roman, der sich intensiv mit der Vergangenheit aber auch der Vergänglichkeit auseinandersetzt. Inhaltlich nimmt Rudiš sein Publikum mit auf eine ziemlich skurrile Reise quer durch Mitteleuropa. Im Mittelpunkt stehen Lorenzo, Caspar und Miss Detroit, die in einem alten Saab von Friedhof zu Friedhof unterwegs sind. Die Situation spitzt sich am Ende zu, als das Trio auf einem Berliner Friedhof plündernden Reichsbürgern zuvorkommen will und die Gebeine eines NS-Verbrechers einpackt.

Der Roman ein vielschichtiger Roadtrip über das Erinnern und das Geschichtenerzählen, denn das ist letztlich der Prozess, der die Toten im Gedächtnis am Leben erhält. Wie eigentlich fast immer bei Rudiš geht es auch um das reiche kulturelle Erbe Europas und seine oft leidvolle Geschichte. Es ist eine melancholische, aber keineswegs düstere Erkundung mitteleuropäischer Identität, deutscher und tschechischer Verflechtungen und der Frage, wie tief die Narben alter Konflikte in der Landschaft und den Menschen eingebrannt sind. Rudiš erweist sich erneut als meisterhafter Beobachter der kleinen Absurditäten des Lebens und als feinfühliger Chronist des historischen Schmerzes. Stilistisch bedient sich der Autor beim magischen Realismus: Er erzählt mit viel Verve und trockenem Humor von einer Welt, in der Friedhofswasser zum Lebenselixier wird, einer der Protagonisten Bücher frisst und die Toten über Pflanzen und Wurzeln mit den Lebenden sprechen.
Was für ein Roman, wie gemacht für den leicht morbiden Charme der Schaubühne. Und wenn dazu Jaroslav Rudiš seinen Text mit der gewohnt rhythmischen, fast musikalischen Dynamik auf die Bühne bringt, ist ein großartiger Abend garantiert. Mehr zum Event findest du direkt bei der Schaubühne Lindenfels.