
Mit der Sonderausstellung „The Soul of Objects“ lädt das GRASSI Museum für Angewandte Kunst dazu ein, genau diese Fragen zu stellen. Gleichzeitig ist die Ausstellung in ihrer Bandbreite die erste ihrer Art in Europa, denn sie widmet sich ausschließlich dem zeitgenössischen Design und Kunsthandwerk aus Lateinamerika und macht deutlich, dass angewandte Kunst weit mehr sein kann als schöne Gestaltung. Sie erzählt von Identität, Gemeinschaft, Spiritualität und einem Umgang mit Ressourcen, der aktueller kaum sein könnte.
Schon der Weg zum ersten Raum stimmt auf diese Perspektive ein. Farben, organische Formen und Naturmotive in einer Videoinstallation schaffen eine Atmosphäre, die sich bewusst von der nüchternen Ästhetik vieler Designausstellungen absetzt. Genau das setzt sich im Weiteren fort. Statt Objekte lediglich zu präsentieren, erzählt die Ausstellung Geschichten und macht neugierig auf einen Kontinent, dessen Designszene in Europa bislang erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.
Rund 200 Arbeiten von 56 Designer, Künstler und Handwerksgemeinschaften aus 13 Ländern sind im GRASSI Museum versammelt. Die Bandbreite reicht von filigranen Leuchten aus Rosshaar über Gefäße aus Holz und Palmfasern, Schmuck aus Bohnen, Taschen, Textilien und Skulpturen. Trotz der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe verbindet viele Arbeiten ein gemeinsames Element, denn sie entstehen in Handarbeit aus lokalen Materialien und verstehen Gestaltung als Teil eines sozialen und ökologischen Zusammenhangs. Die Ausstellung zeigt nicht nur Kunsthandwerk aus Lateinamerika, sondern zeitgenössisches Design, das sich selbstbewusst zwischen Tradition und Gegenwart bewegt. Viele der Gestalter sind international ausgebildet und arbeiten dennoch bewusst mit regionalen Techniken und Materialien weiter. Damit wird Vergangenheit nicht konserviert, sondern weiterentwickelt.

Ein besonders spannendes Beispiel dafür ist Olga Fisch. Die in Ungarn geborene Keramikerin emigrierte Ende der 1930er-Jahre nach Ecuador und erkannte früh den gestalterischen Wert der dortigen Handwerkstraditionen. Gemeinsam mit lokalen Kunsthandwerkern entwickelte sie Objekte, die traditionelle Techniken sichtbar machten und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurden. Ihre Arbeiten stehen beispielhaft für den kulturellen Austausch, der Lateinamerikas Designgeschichte bis heute prägt.
Generell gelingt es der Ausstellung gelingt es, die enorme Bandbreite zeitgenössischer und traditioneller Positionen sichtbar zu machen, ohne Unterschiede zu nivellieren. Statt folkloristische Klischees zu bedienen, zeigt die Ausstellung die Innovationskraft, Experimentierfreude und gesellschaftliche Relevanz des heutigen Kunsthandwerks in Lateinamerika.
So verlässt man die Ausstellung vielleicht nicht mit dem Wunsch nach einem neuen Designerstück, sondern mit einer anderen Frage: Welche Geschichte steckt eigentlich in den Dingen, die uns jeden Tag umgeben?



Begleitend zur Ausstellung bietet das GRASSI Museum Führungen, Workshops und Filmabende an. Es lädt dazu ein, sich intensiver mit den gezeigten Materialien, Techniken und kulturellen Hintergründen auseinanderzusetzen und selbst kreativ zu werden. Damit versteht sich „The Soul of Objects“ nicht nur als Ausstellung, sondern als Ort des Austauschs zwischen unterschiedlichen Kulturen und Perspektiven.
„The Soul of Objects“ ist noch bis zum 27. September 2026 im GRASSI Museum für Angewandte Kunst zu sehen. Wer Design einmal aus einer Perspektive erleben möchte, die weit über Formen und Funktionen hinausgeht, sollte sich diese Ausstellung auf keinen Fall entgehen lassen.